Niche11: Podcasts zwischen Entertainment und Unternehmenseinsatz

Samstag, 04. Juni: Alex Wunschel, Thomas Hillebrand und Annik Rubens laden zur Niche11, einem Barcamp für Podcaster, ins Medienkloster in der Münchner Isarvorstadt. Die Teilnehmer: 100 Podcaster aus ganz Deutschland, die die professionelle Erstellung, Verbreitung und Vermarktung ihrer Audio- oder Videoformate diskutieren.

Ein wichtiges Thema der Niche11 ist der Einsatz von Podcasts in Unternehmen. Es gibt hier zwar Vorreiter wie Datev oder Toshiba, aber das sind absolute Ausnahmen. Obwohl das Thema Social Media für Firmen immer wichtiger wird, sind Podcasts als Teil der Web-2.0-Welt immer noch weitgehend unbekannt. Die folgenden Impressionen von der Niche11 sollen dazu dienen, Einblicke in Reichweite, Möglichkeiten und die Zukunft der Podcasts zu geben – mit Fokus auf den Unternehmenseinsatz.

1. Zahlen, Daten, Fakten – Fabio Bacigalupo (Podcast.de)
Die Bedeutung von Podcasts in Zahlen ermittelt Fabio Bacigalupo jährlich seit drei Jahren in Zusammenarbeit mit der Agentur BlueSky Media. Da die Anzahl der Teilnehmer an der Umfrage variierte (2008: 500/2009: 1.000/2010: 800), werden nur Prozentzahlen angegeben. Sichtbar wird, dass die Anzahl der Video-Podcaster gesunken ist, was laut Bacigalupo daran liegt, dass Pro7 2010 sein gesamtes Podcast-Programm eingestellt habe.

Die Zahl der Audio-Podcaster ist in den vergangenen drei Jahren dagegen gestiegen. Bei der Häufigkeit der Nutzung zeigt sich, dass Podcasts meist mehrmals pro Woche (über 30%) oder sogar täglich (über 20%) genutzt werden.

Seit wann nutzen Sie Podcasts?
Bei dieser Frage zeigt sich, dass die Nutzer meist schon über zwei Jahre Podcasts nutzen (ca. 55%), neue Nutzer kommen kaum nach. Nur etwa 5 Prozent nutzen Podcasts seit weniger als drei Monaten. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Studie nicht über iTunes beworben wurde, was möglicherweise ein anderes Bild ergeben hätte.

Weitere Ergebnisse: Podcasts werden nicht überwiegend unterwegs sondern zu Hause genutzt. An zweiter Stelle stehen öffentliche Verkehrsmittel, es folgen das Auto und der Arbeitsplatz. Podcast-Nutzer sind zu etwa 45 Prozent erwerbstätig, über zehn Prozent arbeiten als Selbstständige. Der Anteil der Studenten liegt zwischen 15 (2008) und 10 (2010) Prozent. Das Durchschnittsalter sinkt kontinuierlich, 2010 lag es aber immer noch bei über 40 Jahren.

Podcasts international
Der Podcast-Hoster Wizzard meldet 455 Millionen Download-Abrufe für das dritte Quartal 2010. Das bedeutet einen Anstieg um 35 Prozent gegenüber dem Vorjahres-Quartal. Das Wizzard Media Network verzeichnet etwa fünf Millionen Anfragen pro Tag. 2010 wurden dort 3.304 neue Podcasts gehostet.

2. Podcasting und Recht – Dr. Daniel Kaboth
Der Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht aus München geht zunächst auf Urheberrechtsfragen ein. Wichtig: Texte können schon ab einer Länge von ein bis zwei Worten geschützt sein (Claims). Bei Filmen gilt: Sie sind immer urheberrechtlich geschützt, dasselbe gilt auch für Fotos. Zu unterscheiden ist in beiden Fällen zwischen abgefilmten Inhalten bzw. Schnappschüssen und “Werken” – urheberrechtlich geschützt sind aber beide.

Musik ist sehr schwierig zu lizenzieren, der Schutzbereich ist sehr weit. Die 30-Sekunden-Regelung gilt nicht! Die Melodie genießt den höchsten Schutz, der Rhyhtmus/die Bassfolge ist wieder für sich geschützt, wenn sie auch für sich individuell ist. Die Nutzung von Podsafe-Netzwerken aus den USA liegt in einer Grauzone, es gibt keine EU-Regelung für die Lizenzierung.

Das Persönlichkeitsrecht und die Markenrechte sind ebenfalls zu berücksichtigen. Beispiel: Ich darf nicht die Marke “Audi” mit etwas verbinden, was kein Auto ist.

Wann dürfen diese Elemente frei genutzt werden? Immer, wenn man selbst der Urheber ist.

Bei mehreren Urhebern müssen alle gemeinsam über die Nutzung und Veröffentlichung entscheiden.

Die Ausnahmen Zitatrecht (Texte, Fotos, Film, Musik), Berichterstattung und freie Bearbeitung werden sehr eng gehandhabt, hier gilt auf jeden Fall: Es muss die Quelle angegeben werden. Im Fall der freien Bearbeitung sind die Übereinstimmungen entscheidend, nicht die Abweichungen. “Das Original muss verblassen.”

Wer Urheberrechtsverstöße abmahnen will, braucht einen Auftraggeber (Künstler, Plattenfirma, etc.) – nicht zu verwechseln mit Wettbewerbsrecht.

Wo müssen die Rechte erworben werden? Podcaster benötigen Vervielfältigungsrecht und Sync-Recht für die Mischung etwa von Bild und Ton. Dazu kommen das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung und die Bearbeitungsrechte. Lizenziert werden kann beim Künstler oder bei Verlagen bzw. Verwertungsgesellschaften (GEMA!). Die GEMA-Lizenz für nichtkommerzielle Podcasts kann über www.gema.de/lizenzshop erworben werden.

Podcaster sollten in jedem Fall ein Impressum zur Verfügung stellen, das den Impressumpflichten des Telemediengesetzes und des Rundfunkstaatsvertrags entspricht.

3. Live-Podcasting – Zwischen Podcast und Webradio – Ingo Ebel (Radio Tux)

Radio Tux ist das älteste und bekannteste freie Linux-Radio in Deutschland. Das Live-Podcasting erfolgt aus einem mobilen Studio. Parallel zur Sendung wird ein Chat eingerichtet, den der Moderator im Auge behalten muss, was allerdings nicht ganz einfach ist.

(Web-)radio ist ein lineares Medium, es erfordert eine Programmplanung und ist insgesamt aufwändiger und teurer als Podcasting. Der Vorteil liegt darin, dass direkt auf Hörer reagiert werden kann. Podcasts erlauben kein direktes Feedback, sind aber einfacher zu produzieren.

Live-Podcasting ist eine Mischung aus Webradio und Podcast. Natürlich wird live produziert, benötigt wird ein Streaming-Server bzw. eine Internet-Verbindung. Ideal eignet sich das Medium für Talk-Runden.

Man kann entweder einen Icecast-Server selbst aufsetzen oder man nutzt einen vorhandenen Client, für Windows etwa oddcast.com oder für Mac nicecast.com. Mehr Infos dazu hier.

Ingo Ebel zeigt die Hörerzahlen des “Not safe for work”-Podcasts von Tim Pritlove (ebenfalls anwesend), kleinere technische Probleme während des Streamings werden sichtbar.

Vorteil des Live-Podcasts: die Interaktion mit den Hörern über einen IRC-Kanal (Chat) oder über Twitter – auch Call-in per Skype ist möglich. Laut Ingo Ebel wollen viele Nutzer den Podcast live hören, weil sie interagieren wollen – die Community trifft sich und tauscht sich aus. Feedback gibt es zu Themen, aber auch zu technischen Problemen (laut/leise).

Nachteile: Das Team muss regelmäßig und immer um dieselbe Zeit senden. Die Infrastruktur ist im Vergleich zu Podcasts komplexer, obwohl ein Zoom (mobiles Aufnahmegerät) und zwei Kopfhörer theoretisch ausreichen. Und die Einbeziehung der Hörer muss geübt werden.

Mangels Akku können die Nachmittags-Sessions nicht live gebloggt werden – ein Resümee der Niche11 folgt in Kürze. Bis dahin vielen Dank dem Orga-Team und noch ein schönes Wochenende. (Uwe Baltner)

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Uwe Baltner

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4 Kommentare to “Niche11: Podcasts zwischen Entertainment und Unternehmenseinsatz”

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